Bei der Notfallübung „Red Storm Business“, die auf Initiative der Handelskammer Hamburg stattfand, waren Hamburger Unternehmen aufgefordert, ihre Notfallpläne für den Krisenfall zu testen.
Aber das reichte uns nicht. Wir wollten den Schwierigkeitsgrad erhöhen, um unsere Resilienz noch stärker auf die Probe zu stellen für den Fall der Fälle. Das konnten wir zwar herausfinden, aber noch viel mehr: Unternehmen müssen sich mehr vernetzen.
In diesem Artikel zeige ich auf:
- Welche Vorgaben die Handelskammer gemacht hatte,
- Wie wir unsere eigene Übung noch verschärften,
- Was in unserem Notfallplan enthalten war,
- Welche Learnings wir aus der Übung gewonnen haben,
- Wie wichtig für Resilienz die stärkere Vernetzung von Unternehmen ist.

Die Vorgaben der Handelskammer Hamburg
Unter dem Titel „Red Storm Business“ hatte die Handelskammer Hamburger Unternehmen eingeladen, am 24. September ihre eigene Krisenvorsorge zu testen.
Das gemeinsame Ausgangsszenario: ein länger andauernder Stromausfall.
Für die Handelskammer stand bei Red Storm Business neben technischen Prüfungen ausdrücklich auch Kommunikation, physische Infrastruktur und die Frage nach den minimal notwendigen Geschäftsprozessen im Mittelpunkt.
Auch wenn die HK verschiedene Module vorgeschlagen hatte, war doch ausdrücklich Raum gelassen für eigene, zum jeweiligen Unternehmen passende Übungen.
Add more spice: Wir wollten mehr
Die kreative Freiheit, die die Handelskammer trotz der Vorgaben gelassen hatte, wollten wir unbedingt nutzen, um unser eigenes Übungsszenario zu entwerfen. Zum einen wollten wir die Übung so ausbauen, dass sie für die ganze Silpion Gruppe mithin auch als Notfallübung im Rahmen der ISO 27001 Zertifizierung dient. Zum anderen sollte sie uns aber auch eine zentrale Frage beantworten: Was brauchen wir eigentlich wirklich, um arbeitsfähig zu sein?
Dafür haben wir uns von möglichst vielen Dingen getrennt, die für einen normalen Arbeitstag selbstverständlich sind:
- Netzstrom
- Normaler Internetanschluss
- Zugriff auf unsere Cloud-Systeme und Kommunikationskanäle
- Ausgestatteter Arbeitsplatz
Stattdessen standen wir einfach auf dem Parkplatz vor unserem Bürogebäude und das alles war weg.
Ok, dafür waren ein paar Medienvertreter:innen da.

Es geht los: Einleitende Erklärung der Übungsbedingungen und des Notfallplans
Der Notfallplan: Biertisch, E-Auto, Starlink
Strom aus dem E-Auto
Für die Übung musste zuallererst die Stromversorgung aus alternativen Quellen gelingen. Vorbereitet hatten wir mobile Batteriespeicher, aber auch die Vehicle-to-Load-Funktion (V2L) von Elektrofahrzeugen.
Für die Medienvertreter:innen war das der Hingucker. Es zeigt aber auch: Solche simplen technischen Lösungen sind viel zu wenig bekannt oder erprobt.

Meistfotografiertes Motiv: Mit dem V2L-Adapter wird Strom aus einem E-Auto gezapft
Kommunikation über 5G, Starlink und Voice-over-IP
Die Internetanbindung wurde unabhängig von unseren normalen Glasfaseranschlüssen über 5G und Starlink hergestellt.
Zusätzlich hatten wir fünf VoIP Telefone an einen eigens von uns geschaffenen, mobilen SIP-Server angebunden, der über Satellit die telefonische Verbindung in die Welt sicherstellte. Dabei kamen zwei geographisch unabhängige Anbieter in Deutschland und den USA zum Einsatz; beim US-Anbieter nutzten wir den Zugang in Brasilien.
8 Bierbank-Arbeitsplätze und mobiler Gasgrill
Arbeiten mussten alle nun von einem unkonventionellen Ersatzstandort aus: Auf dem Parkplatz wurden Bierbänke und -tische aufgestellt. Den Kolleg:innen stehen nur Laptops zur Verfügung, auf denen aber Linux und FreeBSD laufen statt der üblichen Windows- und macOS-Betriebssysteme.
Angebunden an die Elektroautos und zwei Starlink-Terminals sowie einen 5G-Router hatten wir insgesamt acht Notebook-Arbeitsplätze und einen Demo-Arbeitsplatz mit zwei Monitoren.
Auch die Versorgung mit warmem Essen war geplant, wenn auch kein Luxus-Menüs: Pizza gab es aus einem mobilen Gasgrill, der Elektrogrill hing an einem der E-Autos und mit ihm haben wir noch Toast Hawaii zubereitet. Typisch deutsches Essen eben.

Bierbank und Laptop müssen genügen: Der Einsatzort war bewusst spartanisch
Die Learnings
Energie
Der Teil fiel für uns sehr positiv aus. In dem Setup, das wir genutzt haben, hätten wir mit den 55 kWh aus einem E-Auto für über eine Woche ausreichend Strom gehabt.
Mit den gesamt 139 kWh aus 2 E-Autos hätten wir bei unserem Setup über 2 Wochen ausreichend Strom für die Arbeitsplätze gehabt. Und die Kaffeemaschine war natürlich zu 100% in Betrieb.
Internet
Der alternative Internetzugang hat tatsächlich gut funktioniert. Ein Kollege merkte sogar an, die Verbindung sei schneller als sein DSL zu Hause im Home Office.
Daten und Software
Das war der eigentlich spannendere Teil. Wir wollten herausfinden, ob die Anmeldungen funktionieren, und Mitarbeiter:innen wie gewohnt ihre Programme nutzen können. Die Backup-Systeme, die wir in der Vorbereitung angelegt haben, haben grundsätzlich funktioniert. Gleichzeitig ist hier auch noch am meisten weitere Arbeit notwendig. Das Schöne an der Übung: Jetzt wissen wir, was noch fehlt und wo die Fachbereiche noch Definitionsarbeit leisten müssen.
Biertische und -bänke
Die spartanischen „Arbeitsplätze“ waren natürlich nur witzig, weil das Wetter mitgespielt hat. Und im Winter wäre dieses Setup auch gar nicht möglich. Und trotzdem haben sie für die richtige Stimmung gesorgt, das Gefühl eines Notfalls hergestellt, unser Bewusstsein dafür geschärft.
Wertvollster Gewinn: Neue Fragen
Vor allem neue Fragestellungen kamen im Lauf der Übung auf. Viele waren ganz pragmatisch: Wie wichtig ist uns denn die Kaffeemaschine, oder brauchten wir die Satellitentelefone wirklich? Aber auch zukunftsweisende waren dabei: Wer könnte uns eigentlich bei etwas unterstützen, das uns fehlt? Und wem könnten wir eigentlich mit dem, was wir hier geschaffen haben, auch unsererseits helfen?
Im Lauf des Tages wurde immer deutlicher, dass darin ein großer Schlüssel für mehr Resilienz liegt.

Fazit: Mehr Vernetzung für den Fall ohne Netz
Um insgesamt resilienter zu werden, müssen Unternehmen der Hamburger Wirtschaft und darüber hinaus in Zukunft noch stärker kooperieren. Sie verfügen nämlich über sehr unterschiedliche Fähigkeiten, die für sie selbst vielleicht selbstverständlich, für andere im Krisenfall aber ausgesprochen wertvoll sein können.
Wenn Unternehmen diese Fähigkeiten frühzeitig entdecken, teilen und miteinander verknüpfen, kann daraus schon vor einer Krise ein belastbarer Verbund entstehen. Daher sind wir natürlich bereit, den Teil, den wir erprobt haben, auch anderen zur Verfügung zu stellen.
Darum: Melden Sie sich gerne mit allen Fragen zu unserem Übungs-Setup und den angewendeten Lösungen.
Über den Autor

Christian Schmidt
Principal IoT Producer
Christian Schmidt ist Prokurist bei simplexion, einer Tochter der Silpion IT-Solutions. Simplexion entwickelt digital-souveräne, cybersichere Elektronik und Firmware für Produkte und realisiert Innovationen in Elektronik und Software für vernetzte beziehungsweise IoT-fähige Geräte.
Als Principal IoT Producer verantwortet Christian unter anderem Produktentwicklung, Kundenanforderungen und technische Lösungsarchitekturen.
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